Einblick ins Forschungsstipendium #3

Forschungsjahr in Ann Arbor: Von Tasseln, Traditionen und den Spuren der Universität Bern

Universitäten erkennt man nicht nur an ihren Gebäuden oder ihrer Forschung. Man erkennt sie auch an ihren Ritualen. Manche sind klein und unscheinbar, andere ziehen tausende Menschen an. Sie markieren Übergänge, schaffen Gemeinschaft und erinnern daran, dass jede akademische Laufbahn aus vielen einzelnen Etappen besteht.

In den vergangenen Wochen durfte ich gleich mehrere solcher Momente miterleben. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass auch mein eigenes Forschungsjahr bereits mehr als zur Hälfte vorbei ist. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Wer Ann Arbor noch aus meinem ersten Newsletter kennt, würde die Stadt heute kaum wiedererkennen. Aus dem grauen Winter ist eine grüne, lebendige Universitätsstadt geworden. Die Bäume spenden Schatten, Blumen säumen die Wege, und die kühlen Temperaturen sind einer für Michigan überraschenden Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit gewichen. Mit dem Sommer hat sich das Leben nach draussen verlagert. Plätze, die im Winter noch leer waren, sind heute Treffpunkte für Studierende, Musik und lange Abende.

Ein Höhepunkt waren bereits im Mai die «Graduations», ein Ereignis, das man aus amerikanischen Filmen kennt und das in Wirklichkeit kaum weniger eindrücklich ist. Für einige Tage verwandelt sich der Campus in eine einzige grosse Feier. Hunderte Studierende ziehen in ihren Talaren über das Universitätsgelände, während Familien und Freunde aus allen Teilen der Welt anreisen, um diesen besonderen Moment gemeinsam zu feiern. Gerade inmitten dieser Freude wird einem bewusst, dass solche Momente nicht für alle gleich sind. Hamoun aus dem Iran, der seine Familie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat, musste auch diesen Meilenstein ohne seine Liebsten erleben. Dennoch entstehen überall Erinnerungsfotos, es wird gelacht, umarmt und manchmal auch eine Träne verdrückt. Besonders geblieben ist mir der Moment, in dem die Absolventinnen und Absolventen ihre Tassel, die Quaste am Hut, von der rechten auf die linke Seite verschieben. Eine kleine Geste mit grosser Bedeutung: Ein Kapitel endet, ein neues beginnt.


Hamoun Sabri, Andrea Lauretti (ITI-Scholar), David Dunbar, Karim Ghishan, Kiri Lang

Während die «Graduations» bereits einige Wochen zurücklagen, endete das akademische Jahr offiziell erst in der letzten Juniwoche. Auch am «Department of Periodontics and Oral Medicine» wird dieser Übergang auf besondere Weise gefeiert. Beim traditionellen «Send-Off» stehen die fünf Graduate Students des dritten Ausbildungsjahres im Mittelpunkt. Nach drei intensiven Jahren voller Klinik, Forschung und Ausbildung werden sie feierlich verabschiedet und auf ihren weiteren beruflichen Weg geschickt.

Es war einer jener Anlässe, bei denen nicht nur die Leistungen der Einzelnen gewürdigt werden. Vielmehr wird sichtbar, was eine Institution wirklich ausmacht. Die gegenseitige Unterstützung, die enge Verbundenheit zwischen Studierenden, Fakultät und Alumni sowie der Stolz auf die gemeinsame Ausbildung waren überall spürbar. In diesem Moment wurde mir erneut bewusst, wie sehr die University of Michigan von ihrer Gemeinschaft lebt.

Fast symbolisch fiel in dieselbe Woche auch der Besuch von Klaus Lang. Nach beinahe 51 Jahren kehrte er an die University of Michigan zurück, wo er einen Vortrag zum Thema «70 Jahre Parodontologie» hielt. Es war faszinierend zu beobachten, wie viele Erinnerungen dieser Besuch weckte und mit welcher Wertschätzung die Geschichte unseres Fachgebiets aufgenommen wurde.

Erst hier, tausende Kilometer von zuhause entfernt, wird mir bewusst, welchen aussergewöhnlichen Einfluss die Berner Parodontologie international hatte und bis heute hat. Wissenschaftliche Bedeutung, so scheint es, misst sich nicht an der Grösse eines Ortes.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Erkenntnisse dieser ersten sechs Monate: Man reist nach Ann Arbor, um von einer der renommiertesten Universitäten der Welt zu lernen. Und gerade hier begegnet man immer wieder den wissenschaftlichen Spuren, die ihren Ursprung im kleinen Bern genommen haben.