Prophylaxe & Prävention 1.0 – ein Fortbildungstag für das gesamte Praxisteam
Die Premiere der Fortbildung „P&P – Prophylaxe & Prävention 1.0“ in Sursee stiess auf grosses Interesse: Die von der SSP und der SSPRE gemeinsam organisierte Veranstaltung war mit 250 Teilnehmenden ausverkauft. Das neue Format richtet sich bewusst an das gesamte Praxisteam und setzt auf kurze, prägnante Vorträge, die aktuelle Themen der Prävention auf den Punkt bringen. Die kompakte Struktur erlaubt es, Inhalte praxisnah zu vermitteln und zahlreiche Aspekte der Prophylaxe innerhalb eines einzigen Tages zu beleuchten.

Prophylaxe und Prävention werden oft synonym verwendet. In der Zahnmedizin jedoch verdienen präventive Massnahmen besondere Aufmerksamkeit: Sie sind entscheidend für die Vorbeugung von Erkrankungen, das frühzeitige Unterbrechen von Krankheitsprozessen und das langfristige Sichern von Behandlungserfolgen. Dass die Fortbildung „P&P – Prophylaxe & Prävention“ bewusst beide Begriffe im Titel trägt, ist daher mehr als ein sprachliches Detail: Die doppelte Nennung macht deutlich, wie zentral präventive Konzepte für die moderne Zahnmedizin sind.
Zur Eröffnung betonten Dr. Barbara Carollo (SSP) und PD Dr. Florin Eggmann (SSPRE) die zentrale Bedeutung der Prophylaxe und das Ziel, eine «unité de doctrine» zu schaffen – ein gemeinsames Prophylaxeverständnis im Team für eine individuelle und optimale Begleitung der Patientinnen und Patienten. Kurze Diskussionsfenster nach jedem Vortrag wurden rege genutzt und verliehen dem Tag eine interaktive Note.

Der erste Fortbildungstag war schon Wochen vorher ausgebucht.
Zahnhals: Prävention und Therapie
Den fachlichen Auftakt gestaltete Prof. Dr. Patrick Schmidlin mit einem dreiteiligen Block rund um den Zahnhals. Zunächst widmete er sich der Prävention von Rezessionen und stellte aktuelle chirurgische Konzepte zur Rezessionsdeckung vor. Im zweiten Teil ging es um die häufige Problematik der Zahnhalsüberempfindlichkeit. Neben praktischen Empfehlungen zur Linderung zeigte Schmidlin die Bedeutung von positiver Kommunikation und Placebo-Effekten auf. Den Abschluss bildete die sogenannte „Black Hole Disease“, ästhetisch und funktionell störende interdentalen Dreiecke infolge gingivaler Rezessionen. Hier betonte er: Prävention ist besser als Therapie. Zudem präsentierte er minimalinvasive und kosteneffektive Behandlungsoptionen.
Praxisnahes Training: Zahnputztechnik
Einen praxisnahen Schwerpunkt setzte Prof. Dr. Klaus Neuhaus mit seinem Vortrag über die richtige Zahnputztechnik. Trotz moderner Hilfsmittel bleibt die korrekte Anleitung der Patientinnen und Patienten eine zentrale Aufgabe des Praxisteams. Entscheidend ist nicht nur, dass geputzt wird, sondern wie. Neuhaus zeigte, wie unterschiedliche Putztechniken situationsgerecht vermittelt werden können, und stellte das Konzept des Differential Learning vor: Dabei wird die Bewegung nicht starr wiederholt, sondern durch viele Variationen kann ein neues Bewegungsmuster erlernt werden. Besonders bei Kindern kann dieser Ansatz helfen, die Mundhygiene nachhaltig zu verbessern.
Interdentalräume und Biofilmkontrolle
Nach der ersten Kaffeepause stand die Interdentalreinigung im Fokus. Prof. Dr. Philipp Sahrmann erklärte, wann, wie und mit welchen Hilfsmitteln die Reinigung der Interdentalräume sinnvoll ist – abhängig von Anatomie, parodontalem Status und manuellen Fähigkeiten. Plaque-Färbemittel helfen bei Instruktion und Motivation, kleine, spitz zulaufende, schallgetriebene Interdentalbürsten eignen sich besonders zur Biofilmentfernung.
Dr. Monika Astasov-Frauenhoffer beleuchtete mikrobiologische Strategien zur Kontrolle des Biofilms. Natürliche Wirkstoffe wie ätherische Öle oder Polyphenole können die Biofilmbildung reduzieren oder deren Virulenz abschwächen und gelten daher als vielversprechende Komponenten für Zahnpflegeprodukte. Gleichzeitig zeigte sie auf, wie anspruchsvoll die wissenschaftliche Untersuchung solcher Substanzen ist: Da natürliche Wirkstoffe häufig in komplexen und unterschiedlich zusammengesetzten Produkten enthalten sind, lassen sich ihre Effekte nur schwer standardisiert analysieren und miteinander vergleichen.
Ein weiteres Praxis-Highlight war die Prophylaxe bei Patientinnen und Patienten mit „Special Needs“, ebenfalls von Klaus Neuhaus präsentiert. Anhand von Fallbeispielen zeigte er kreative Lösungen: Spezialzahnbürsten für Pflegebereiche, Teilabformungen mit digitalem Stitching oder physiologische Mundöffnungshilfen bei eingeschränkter Kieferöffnung.
Prävention und Allgemeingesundheit
Am Nachmittag blickte Prof. Dr. Sahrmann über die Mundhöhle hinaus: Welche Rolle spielt Oralprophylaxe für die Allgemeingesundheit? Die Präsentation zeigte Studien, die Zusammenhänge zwischen parodontalen Erkrankungen und systemischen Erkrankungen plausibel machen, und ordnete die Evidenzlage zur Verbindung zwischen orale Pathologien und verschiedenen Allgemeinerkrankungen kritisch ein.
Im Anschluss widmete sich PD Dr. Florin Eggmann dem Management von Initialläsionen. Er diskutierte moderne Ansätze wie Infiltration oder Peptid-basierte Therapie. Ergänzend gab er ein Update zur aktuellen Diskussion um einen möglichen Zusammenhang zwischen Fluoridexposition und dem Intelligenzquotienten und ordnete die vorhandene Studienlage kritisch ein.
Zukunftstechnologien und Prophylaxe-Potpourri
Mit Blick auf neue Technologien fragte Klaus Neuhaus, welchen Beitrag künstliche Intelligenz in der Kariesdiagnostik leisten kann. Systeme mit KI-Unterstützung eröffnen neue Möglichkeiten, ersetzen jedoch nicht die klinische Erfahrung – vielmehr könnten sie die Kariesdetektion unterstützen. Somit können sie einen Beitrag zur verbesserten Diagnostik und Sekundärprophylaxe leisten.
Ein besonderes Highlight waren die Vorträge von Prof. em. Dr. Adrian Lussi, der ein umfassendes Prophylaxe-Potpourri präsentierte: Von KI-gestützter Sekundärprophylaxe über Silberdiaminfluoride und hochkonzentrierte Zahnpasten bis zu Massnahmen zur atraumatischen Behandlung von Wurzelkaries und Förderung des Reparaturpotenzials der Pulpa.
Zum Abschluss des wissenschaftlichen Programms widmete sich Prof. Dr. Philipp Sahrmann der Prävention und dem Management der Periimplantitis. Mit der steigenden Zahl implantatgetragener Versorgungen gewinnt dieses Thema zunehmend an Bedeutung. Er zeigte, dass sich das Risiko periimplantärer Erkrankungen über drei zentrale Hebel beeinflussen lässt: die Behandlung von Parodontitis, die konsequente Mundhygiene und der Umgang mit Tabakabusus. Für jeden dieser Bereiche präsentierte Sahrmann praxisnahe Massnahmen, die direkt in den klinischen Alltag integriert werden können, um das Auftreten periimplantärer Komplikationen effektiv zu reduzieren.
Industrieausstellung und Networking
Neben den Vorträgen trug auch eine grosse Industrieausstellung zur Attraktivität der Veranstaltung bei. Die Teilnehmenden konnten bewährte, wie auch neue Produkte kennenlernen und sich im direkten Austausch mit Herstellern und Kolleginnen und Kollegen über Praxislösungen und Erfahrungen austauschen.

Das Referententeam der Fortbildung P&P (von links nach rechts): Barbara Carollo, Adrian Lussi, Patrick Schmidlin, Philipp Sahrmann, Klaus Neuhaus, Florin Eggmann und Monika Astasov-Frauenhoffer.
Ausblick
Mit einer kurzen Verabschiedung schlossen Dr. Barbara Carollo und PD Dr. Florin Eggmann den Fortbildungstag. Die Premiere von „P&P – Prophylaxe & Prävention“ zeigte, wie gross das Interesse an praxisnaher, evidenzbasierter Weiterbildung ist. Für das gesamte Praxisteam bot der Tag zahlreiche Impulse, die sich unmittelbar in den Praxisalltag integrieren lassen.
Die nächste Ausgabe, „P&P – Prophylaxe & Prävention 2.0“, findet am 4. März 2027 in der Messe Luzern statt.

