Einblick ins Forschungsstipendium #2

Forschungsjahr in Ann Arbor: Ausbildungskultur im Vergleich

Im Labor sprechen wir täglich über Diversität. Über Alpha Diversität, wenn wir die Vielfalt innerhalb einer einzelnen Probe beschreiben, und über Beta Diversität, wenn wir Unterschiede zwischen mikrobiellen Gemeinschaften vergleichen. Diese Konzepte helfen, komplexe Systeme besser zu verstehen. Interessanterweise hat mich genau dieses Prinzip des Vergleichens auch ausserhalb des Labors begleitet.

Je länger ich in Ann Arbor bin, desto mehr fällt mir auf, wie unterschiedlich Ausbildungssysteme sein können, selbst wenn sie auf den ersten Blick ähnliche Inhalte vermitteln.

Ein zentraler Bestandteil der Ausbildung an der University of Michigan ist die intensive Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Literatur. Zwei Halbtage pro Woche sind gezielt dafür reserviert. In diesen Sitzungen werden Studien nicht nur gelesen, sondern im Detail analysiert, kritisch diskutiert und in einen grösseren wissenschaftlichen Kontext eingeordnet. Gleichzeitig spielt auch die klinische Tätigkeit eine wichtige Rolle. Die Residents sind regelmässig in der Patientenbehandlung eingebunden und arbeiten dabei weitgehend selbständig. Am Behandlungsstuhl steht in der Regel keine feste Dentalassistenz zur Verfügung. Bei chirurgischen Eingriffen können «undergraduate students» assistieren; eine durchgehende Eins-zu-eins Betreuung durch Oberärztinnen oder Oberärzte ist jedoch nicht vorgesehen. Stattdessen treten sie gezielt bei einzelnen Schritten hinzu, kontrollieren, stellen Fragen und geben Feedback, bevor die Residents den Eingriff eigenständig weiterführen.


Klinische Situation im Praxisalltag.

In Bern ist die Theorie ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Weiterbildung. Der Zugang ist jedoch stärker klinisch orientiert und darauf ausgelegt, ein breites und solides Fundament zu vermitteln. Man arbeitet im Team mit einer Dentalassistentin, wird kontinuierlich von erfahrenen Oberärztinnen und Oberärzten begleitet und übernimmt Verantwortung schrittweise.

Beide Systeme verfolgen damit unterschiedliche Schwerpunkte und ergänzen sich auf interessante Weise.

Warum diese Unterschiede so ausgeprägt sind, wird besonders deutlich, wenn man sich den Weg in eine Spezialisierung in den USA ansieht. Für viele beginnt er mit einem einjährigen DPP (Dental Periodontics Postgraduate) Programm. In dieser Zeit zahlen die Kandidierenden Studiengebühren von rund 30’000 USD, nehmen an Literaturbesprechungen teil und arbeiten hauptsächlich in der Forschung, ohne Patienten zu behandeln. Es ist ein Jahr des Investierens, sowohl zeitlich als auch finanziell, mit dem Ziel, die eigenen Chancen auf einen Residency Platz zu erhöhen. Die eigentliche Bewerbung wirkt dabei fast wie ein eigenes Projekt. Oft werden 15 bis 20 Bewerbungen im ganzen Land verschickt, jede einzelne mit Kosten von rund 200 USD verbunden, bevor sie überhaupt gelesen wird. Und selbst dann bleibt ungewiss, ob es klappt. Viele beschreiben diesen Prozess als eine Art russisches Roulette, bei dem neben Engagement und Vorbereitung auch Zufall eine Rolle spielt. Dabei ist die wissenschaftliche Leistung, insbesondere die Anzahl Publikationen, häufig ein entscheidender Faktor für eine erfolgreiche Aufnahme. Wer schliesslich einen Platz erhält, hat bereits einen langen Weg hinter sich. Doch auch dann ist die Ausbildung mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden. Studiengebühren von bis zu 100’000 USD pro Jahr sind keine Seltenheit.

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, weshalb der theoretische Anteil in der Ausbildung einen so hohen Stellenwert einnimmt. Wer sich in einem derart kompetitiven Umfeld behaupten möchte, muss wissenschaftlich überzeugen. Die intensive Auseinandersetzung mit Literatur und Forschung ist daher nicht nur Teil des Curriculums, sondern spiegelt auch die Anforderungen wider, die bereits im Auswahlprozess gestellt werden.

Was den Alltag in Ann Arbor besonders macht, ist die Internationalität des Programms. Von 15 Residents stammen nur zwei aus den USA. Die meisten sind aus anderen Teilen der Welt hierhergekommen, oft mit dem Ziel, sich langfristig eine Zukunft in den USA aufzubauen. Die Residency ist dabei eine zentrale Voraussetzung, um überhaupt in einer Privatpraxis arbeiten zu können, da ausländische Diplome ohne zusätzliche Ausbildung in der Regel nicht anerkannt werden. Diese gemeinsame Ausgangslage stiftet eine besondere Form der Verbundenheit und lässt eine Atmosphäre entstehen, die bisweilen eher an eine grosse Familie als an eine klassische Ausbildungsstruktur erinnert.

Wie viel hinter diesen individuellen Wegen steht, wird erst greifbar, wenn man einzelne Geschichten kennt:

Eine davon ist die von Sahar Baniameri. Sie ist 25, kommt aus dem Iran und lebt seit zwei Jahren alleine in den USA, während ihre Familie weiterhin tausende Kilometer entfernt ist. Ihr Weg war alles andere als geradlinig: ein DPP-Jahr in Ann Arbor, gefolgt von 14 Bewerbungen im ganzen Land. Am Ende eine Zusage in Pittsburgh, verbunden mit Studiengebühren von rund 84’000 USD pro Jahr. Dazwischen lagen Monate der Unsicherheit. Forschung als Volunteer, Abschied von einem vertrauten Umfeld, der nächste Neuanfang bereits absehbar. Heute ist sie in Pittsburgh. Ein neuer Ort, neue Menschen; wieder von vorne. Hinzu kommt, dass ihre Situation auch von politischen Rahmenbedingungen geprägt ist. Eine Reise in ihr Heimatland ist derzeit mit grossen Unsicherheiten verbunden, da eine Wiedereinreise in die USA nicht garantiert ist.

Für Sahar, und viele andere, ist die Residency deshalb weit mehr als eine Weiterbildung,sondern in der Tat eine bewusste Investition in eine bessere berufliche und persönliche Zukunft.


Sahar Baniameri und Kiri Lang.

Diese Erfahrungen haben meinen Blick auf das eigene Ausbildungssystem verändert. Je länger ich hier bin, desto mehr Geschichten höre ich, und desto deutlicher wird mir, wie unterschiedlich die Ausgangslagen sind. In der Schweiz ist der Weg in die Spezialisierung früh planbar. Man kennt die Abläufe, ist während der Weiterbildung angestellt und kann sich mit einem regelmässigen Einkommen vollständig auf die Ausbildung konzentrieren.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie privilegiert die Rahmenbedingungen in der Schweiz sind. Selbstverständlich ist daran wenig – ausser, dass wir es als solches betrachten.